Montag, 19. November 2018

„Herr Walter lädt ein“: Ungewöhnliches Projekt im Hause Chawwerusch – Vom Gehen, Kommen und Bleiben mit aktuellen Bezügen

24. Oktober 2018 | noch keine Kommentare | Kategorie: Kreis Germersheim, Kreis Südliche Weinstraße, Kultur, Landau, Regional

Fotos: Gabi Kunze/HateRadio

Herxheim – Das Chawwerusch Theater zeigte am Sonntagnachmittag (21. Oktober) erneut, dass ihnen die Ideen nicht ausgehen. Im Gegenteil.

Mit einem neuen Veranstaltungsformat möchten die sieben Ensemblemitglieder überraschende Programme zeigen – überraschend deshalb, weil es sich hier um keine reine Theateraufführung handelt, sondern um eine persönliche Einladung.

Den Auftakt machte Walter Menzlaw, Hausautor und Regisseur und (Mit)Gründer des Theaters in Herxheim. „Herr Walter lädt ein“ war die Veranstaltung betitelt und es waren viele eingeladen und auch gekommen.

Das Thema wurde zuvor nicht bekannt gegeben. Die Vorstellung sollte 90 Minuten dauern und es stellte sich schnell heraus, dass diese Zeit äußerst kurzweilig werden würde.

Völker haben sich vermischt

Menzlaw begrüßte das Publikum mit einigen Fragen. Dadurch wurde das Thema bald deutlich: „Wer lebt noch in dem Ort, in dem er geboren wurde? Ist die Mehrheit noch dort ansässig, wo ein Elternteil gewohnt hat und wer kommt aus einem anderen Land?“

Natürlich war die Durchmischung groß. Menzlaw selbst bescheinigte sich einen Migrationshintergrund. Er beschreibt sich als „eilender Geschichtensammler und heimatloser Wahlpfälzer mit Odenwälder Wurzeln“.

Wer nur weit genug den Lauf der Familiengeschichte zurückverfolgen kann, würde schnell bemerken, dass so gut wie jeder einen Vorfahren hat, der aus einem anderen Land zugewandert ist. Schon immer durchmischten sich die verschiedenen Volksstämme. Dabei wurde auch aus Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ zitiert: „Der eine stamme vom dunklen Römer ab, der vom griechischen Arzt, jener vom Schwarzwälder Flößer. Die Besten der Welt kämen durch die Durchmischung zustande, der Durchmischung der Völker.“

Es waren einige Laienschauspielgruppen eingeladen, die Auszüge aus ihren Stücken zeigten – vielfältig, berührend, nachdenklich stimmend.

Menzlaw moderiert, interviewte, führte das Publikum quasi hinter die Kulissen und beschäftigte sich intensiv mit den Inhalten.

Er schilderte, bildlich veranschaulicht durch Videosequenzen, seinen eigenen Werdegang. Von seiner Kindheit, dem Studium und dem Theater. Doch vom Erzählen aus seinem eigenen Leben richtete er den Blick auf die Lebensläufe anderer.

Denn diese anderen Lebensausschnitte oder kurzgefassten biografischen Ansichten sollten das beherrschende Thema sein. Und dafür machte er Ausflüge von der Geschichte bis in die Gegenwart. Schon immer mussten Menschen ihre Heimat verlassen, hatten schwer an ihren Schicksalen zu tragen, wurden Opfer politischer Umstände.

Menzlaw spannte den Bogen vom 30jährigen Krieg, in dem Deutschland fast entvölkert worden ist, bis zum Heute. Deutschland war auch einmal Auswandererland, nicht nur Einwandererland, vor allem im 19. Jahrhundert.

Kirrweilerer nach Amerika ausgewandert

Die Laienschauspielgruppe „Theaterspaziergang Kirrweiler“ zeigte in einer kurzen Darbietung die Flucht vor Hunger und Armut ins „gelobte Land“ Amerika.

Dabei wurden diese armen Menschen von den Reedern und deren Vermittlern ausgebeutet und gleichzeitig von ihrer Heimat mit Schimpf und Schande entlassen. Über 130 Menschen aus Kirrweiler verließen damals ihr Zuhause, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft – „Wirtschaftsflüchtlinge“ jener Zeit.

Tulla-Schüler als hungernde Kinder

Beeindruckend waren die Schüler der Tullaschule Maximiliansau.

Ganz in weiß gekleidet stellten sie Kinder dar, die den Hungertod sterben mussten, weil sich der bayerische König Max nicht um sein Volk gekümmert hat, sondern es sich lieber selber gut gehen ließ. Dabei wurde ein Text von Georg Weerth eingestreut, eines Dichters aus dem 19. Jahrhundert, der darin die soziale Not anprangerte.

Die Grundschüler präsentierten aber auch einen Ausschnitt eines eigenen Theaterprojekts, das sie gemeinsam mit der Theaterpädagogin Marianne Stein erarbeitet hatten:

„Akim – Kinder auf der Flucht“

Kriegerische Kämpfe in Syrien trennen die Kinder von ihren Eltern. Die Erlebnisse, die chaotischen Zustände, die Ängste in den Kriegswirren werden darin beschrieben.

Die jungen Schauspieler sprachen mit Menzlaw über die Entstehung und den Hintergrund, wie sie zu diesem Stück gekommen sind und dass sie es sogar gegen gewisse Widerstände durchgesetzt haben. Konfrontiert mit der einsetzenden Flüchtlingskrise begannen diese Kinder, sich Gedanken zu machen. Videoaufzeichnungen nahmen das Publikum mit bei jener erstaunlichen und beeindruckenden Darbietung.

Laubsheimer spielen „Die Jüdin und der Bürgermeister“

Das „Lambsheimer Stationentheater“ erzählt in „Die Jüdin und der Bürgermeister“ von einer realen Person aus Lambsheim, einer Frau, die den Holocaust überlebte.

Die Jüdin hat den gepackten Koffer immer neben der Tür stehen, falls sie abgeholt wird. Das Ende des Krieges steht bevor, da wird sie vom (ehemals) parteitreuen Bürgermeister aufgesucht, einen „Persilschein“ in der Hand, den sie unterschreiben soll. Der Nazigetreue will seine Haut retten und stellt sich selbst als Opfer der Umstände dar, einem, der von nichts gewusst haben will.

Doch die eingespielten Erinnerungssequenzen um die Gräueltaten zeugen von einer anderen Wirklichkeit und die Jüdin verweigert dem Bürgermeister die Unterschrift.

Die unglaublich berührende Darstellung der Laienschauspieler trieben so manchem Zuschauer die Tränen in die Augen.

Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Theatergruppen, die einfühlsamen Fragestellungen und Einwürfe von Walter Menzlaw und das äußerst gefühlvolle Einspiel mit dem Cello von Isabel Eichenlaub zwischen den Einzeldarbietungen, boten dem Publikum eine facettenreiche Veranstaltung.

Isabel Eichenlaub vermochte es, mit ihrem Instrument die Stimmungen einzufangen und gefühlvoll zu transportieren.

Erwin hat Demenz

Dann gibt es noch Erwin. Erwin ist schon alt. Die Demenz ist bei ihm fortgeschritten und es sind nur noch die alten Erinnerungen, die in ihm wach sind oder immer mehr an Intensität gewinnen. Erinnerungen an Ruinen, an verkohlte Leichen, an den Krieg, die allerdings keiner mehr hören will.

Die Figur „Erwin“ wurde von Barbara Schüßler erdacht, oder vielmehr erzählt sie damit die Geschichte ihres Schwiegervaters. Die Geschichte eines Kommen und Gehens in die innere Welt, in der das, was vergraben wurde, wieder an die Oberfläche gelangt. Das Stück heißt „Hemdenwechsel“ und erinnerte Etliche im Saal daran, welche Begebenheiten bei ihnen zuhause weitergegeben wurden von jener Generation.

Buch „Gehen – Kommen – Bleiben.“ von Marianne Stein

„Gehen – Kommen – Bleiben.“- so lautet der Titel des Buches, welches Marianne Stein anhand diverser Interviews aus dem Jahr 2017 veröffentlicht hat. Der Band erschien zum 200. Jubiläum des Landkreises Germersheim. Marianne Stein begab sich auf Spurensuche und sammelte reale Geschichten.

„Gehen – Kommen – Bleiben“ beschreibt Menschenwege im Landkreis, es sind Zeitzeugenberichte. Sie gab einige szenische Lesungen zum Besten. Ob es um die letzten Kriegsmonate ging, über die Heimatvertriebenen oder um Gastarbeiter, die gerufen wurden: „Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kamen Menschen.“ Integration war nicht erwünscht.

Fluchtgeschichten

Auch die „beispielhafte“ Geschichte eines Geflüchteten wird darin geschildert:

Ein Migrant erzählte vom Militärdienst in Eritrea, vom Gefängnis, in das er musste, als er sich erlaubte zu widersprechen. Er berichtete von Krankheit, von der Flucht nach Äthiopien, wo er ein Jahr lang war. Dann die Flucht über den Sudan nach Ägypten, wo er gefoltert wurde und hungerte. Es ging weiter nach Israel. Er hatte schwere Verbrennungen und wurde in Israel operiert. Allerdings durfte er dort auch nicht bleiben.

So ging es weiter, wieder über den Sudan nach Libyen, Italien bis nach Deutschland. Dort beantragte er Asyl. Doch der Antrag wurde abgelehnt. Es waren acht Jahre Flucht, es war die Suche nach Freiheit. Ein Mensch, der das Gefühl hat, kein Recht zu haben auf dieser Erde leben zu dürfen. Ein Mensch, der einfach nur in Frieden leben möchte.

Marianne Stein leitet das Theater „Kauderwelsch“ aus Neupotz, das nun auch hier seinen Auftritt hatte. Sie stellte das Buchprojekt mit viel Herzblut vor.

Neues Format kommt an

Walter Menzlaw ist es gelungen, verschiedene Theatergruppen miteinander zu verflechten und trotz schwieriger Thematik eine lockere Atmosphäre zu erschaffen, die nichts an Intensität vermissen ließ. Eine nachdenklich stimmende Vorführungsweise, die etwas aus dem Rahmen fiel und dadurch erfrischend neu wirkte – anregend, emotional und ergreifend.

Die Geschichten, die hier erzählt wurden, sind Geschichten von Menschen auf der Suche nach Frieden und Freiheit und der Mensch hat im Rückblick das immer schon gesucht. Etlicher mag sich mit so manchen Themen nicht mehr beschäftigen müssen. „Doch gerade der Rechtsruck, nicht nur in Deutschland, beweist, wie wichtig es ist, zu graben“, wie es an diesem Nachmittag hieß. „Tief, ganz tief, auch wenn es wehtut.“

Ein junger Mann saß im Publikum. Ein Migrant, der vor drei Jahren nach Deutschland gekommen ist. Im Gespräch bestätigte er, dass es ihm auf seiner Flucht ebenso ergangen sei, wie bei dem Fall, welcher von Marianne Stein vorgetragen worden ist.

Die gespielte Realität auf der Bühne wurde so von der tatsächlichen gespiegelt. Noch ein Mensch, der einfach nur ein lebenswertes Dasein möchte.

Ausblick

Nach „Herr Walter lädt ein“ soll es weitere Veranstaltungen dieser Art geben. Am Sonntag, 16. Dezember um 17 Uhr, will Schauspielerin Felix S. Felix mit einem Überraschungsprojekt aufwarten. Man darf gespannt sein. (Theaterkritik von Gabi Kunze, HateRadio)

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